»Ein nicht zu unterschlagendes Angebot«

Dialoge schreiben

Dialoge schreiben

Es lassen sich hunderte Dialoge schreiben und erfinden, wenn man den Hinweis befolgt, (mal wieder) auf sein Inneres zu hören. Konkreter: auf die zahllosen, oft alltagsbedingten, Zwie- und Selbstgespräche im eigenen Kopf. Eine andere Art ist, sich von anderen Schreiberlingen inspirieren zu lassen …

Heute erhielt ich fiktiverweise einen Anruf von einer Firma, die für ihr Tun und Nicht-lassen eine griffige Marktschreier-Zeile suchte, die dieses irgendwie schön beschreiben würde. Das Telefonat dialogisierte sich folgendermaßen ab.

»Ein nicht zu unterschlagendes Angebot«

Davor aber klingelte logischerweise mein grünes Wählscheiben-Telefon, und zwar so aufdringlich, wie es das bisher noch nie tat. In Anbetracht dieses Phänomens hob ich den Hörer mit einem selbstverständlichen Misstrauen von der Gabel, versuchte bei dieser Gelegenheit aber sonst ruhig sitzen zu bleiben.

»Guten Tag, ich möchte Sie mit einem unschlagbaren Angebot überrumpeln«, sagte die breite Doppelkinn-Stimme am anderen Ende der sehr langen Leitung, »bevor Sie noch ›Hallo, wer da?‹ fragen können …«
Dieser ehrliche Mann sagte das in einer derartigen Geschwindigkeit, dass ich wirklich nicht dazu kam zu fragen, wer denn da überhaupt spreche; noch dazu ließ er mich selbst noch nicht mal wirklich »Hallo« sagen – dabei zeigt doch stets der Angerufene zuerst, dass er der Herr in seinem Hause ist …
Ich würde die Gelegenheit schon noch bekommen. Zuvor erklärte er mir sein Motiv. Dabei teilte sich mein Misstrauen in zwei Stühle, zwischen denen ich nun sitzen durfte. Ich vermisste meine alte Sitzgelegenheit.

Dann sagte er unverhofft: »Fragen Sie mich doch lieber, wie umfangreich die Arbeit sein würde.«
»Mich interessierte eher noch, was das Budget anbelangt«, antwortete ich.
»Das hängt davon ab, wieviel sie uns abnehmen wollen.«
»Ja richtig«, sagte ich, »wie umfangreich würde denn die Arbeit sein?«
»Nun, was fragen Sie mich das? Sie sind der Experte«, sagte er schlüssigerweise.

»Eine Gegenfrage ist stets die unangenehmste aller Antworten, vor allem wenn man selbst nicht weiß, ob man sie sinnvoll und ohne Umschweife beantworten kann«, kommentierte ich zunächst, »also will ich einfach der Wahrheit den Vortritt lassen: Ich arbeite nicht für andere, sondern bin mein eigener Herr, weswegen ich eine derartige Auftragsarbeit nicht einzuschätzen vermag. Ich gegenfrage mich selbst gerade, ob ich einen Pauschalpreis verlangen soll, oder auf die Stunde abrechne. Dann müsste ich aber selbstverständlich erst noch auf dem freien Markt nachforschen, wo die gegenwärtigen Preise so launenhaft dirigiert werden. Wenn Sie mir hingegen aus Ihrer eigenen Erfahrung mit derlei Angelegenheiten her einen Preis vorschlagen können, würden wir uns einen Teil dieses Umweges ersparen.«

Mir war, als hätte ich ein wenig viel versprochen.

»Natürlich«, schlackerten die klangverstärkten Kinne meines Gegenübers zunächst freundlich erregt, »aber wie können Sie guter Mann behaupten, ihr eigener Herr zu sein, wenn Sie sich doch so schwer tun, den Preis für Ihre Herrschaft zu kennen? Aber ich bin ein sympathischer Mann, wie Sie unlängst erkannt haben dürften, und tatsächlich schwebten uns für Ihre Mühen nicht weniger als Fünfhundert vor.«
»Ich mache es wenigstens für Zweihundert mehr.«
»Sechshundert.«
»Siebenundhundert. Mein letzter Versprecher!«
»Der Markt hat dirigiert«, war sein entwaffnetes, letztes, doch wenigstens einsichtiges Wort.
Der Dicke verstand. So schlägt man bei einem Angebot eben zu.
Auch das Zweigestül wurde wieder eins, und ich hatte meine geliebte alte Sitzgelegenheit wieder.

Freiwillige Hausaufgabe:

Protokolliere dein nächstes Telefonat, und wandle es entsprechend deines Geschmacks um. Wahlweise schreibst du das, was dich nachts vermutlich eh nicht schlafen lassen wird, einfach auf. Der oben beschriebene Dialog fand im Übrigen nie wirklich statt.

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