Mein »erstes« Song-Review

Eine Kritik schreiben

Eine Kritik schreiben

Berichte oder eine Kritik schreiben – oder journalistisches Arbeiten – kennt man im Prinzip seit Kindesalter von der Schule her: dort zwang man uns Aufsätze oder kürzere Berichte zu schreiben. Nichts anderes ist journalistisches Schreiben. Der Unterschied ist, dass man Dich in der Schule eben dazu zwang. Ich hasste es auch. Jene, die es da schon cool fanden, waren wohl auch im späteren Leben etwas schneller als ich mit ihren schreiberischen Ambitionen.

Ein Song-Review*

(*Übrigens bin ich bis heute lustig genug zu fragen, ob es Der, Die oder Das »Song-Review« heißt, ich bitte um Nachsicht)

Heute geht’s also um: Wie zum Teufel schreib‘ ich journalistisch? Dazu nehmen wir einen fiktiven, aber strebsamen, aber angestellten jungen Musik-Journalisten, der für eine wichtige Musikzeitschrift schreibt – ein Song-Review zum fiktiven neuen Output einer fiktiven alten Band.

So könnte der ehrliche Bericht im Einklang mit den aufrichtigen Gefühlen des Schreibers im Heft abgedruckt werden – es ist vielleicht nicht sonderlich gut, und doch immerhin »echt«:

Band: Awwr
Song: Lutching Finger
Album: Vooroo

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Das Intro lädt ein, auf einer idyllischen hawaiischen Insel durchs Gehölz zu wandern, dessen Tropik auf witzige Weise nur durch den wirren, dennoch sehr coolen Vibrato-Sound zerstört wird – man würde einen psychedelischen Schamanen auf unserem Weg erwarten, der völlig zerstreut nach seinem Stamm sucht …

Das jetzt einsetzende Riff ist bis an den obersten Zipfel angezerrt und ein wenig plump – hat trotzdem was Melancholisches. Nach zwei Takten überrascht wiederum eine Clean-Gitarre mit einem einfachen, jedoch wunderbar harmonischen Vier-Akkorde-Lauf, womit eine breitere Palette an Farben ins Spiel gebracht wird (und das grottige Anschlagen des Lead-Gitarristen auf angenehme Weise übertönt). Das hawaiische Dorf mit den tanzenden Kindern und ihren großen, hübschen und ledigen Schwestern wurde endlich erreicht (den Schamanen haben wir aus Mitleid mitgenommen).

Das Schlagzeug im Übrigen hat wohl keinen besonders großen Auftrag (im Intro fehlte es komplett), und ansonsten hier und dort aus dem Takt. Irgendwie schon in Ordnung eigentlich.

Der (einzige) gute Gitarrensound des Songs, nämlich der des cleanen Rhythmikers, bekommt im Mid-Part verdienterweise eine Solo-Einlage (welch herrliche Ironie), und verscheucht für einen leider nur zu kurzen Moment die Lead-Gitarre, die sich mittlerweile wie eine lästige Krähe unbemerkt in unserem schönen Inselwald eingenistet hat. Denn dann schreit sie erneut um Aufmerksamkeit, die Krähe; keine zwei, drei Takte hatte man seine Ruhe … »Kraah kraah« mich auch, ihr blöden Viecher (wobei hier der Einsatz des Lead-Riffs zugegebenermaßen stark ist … aber nur der Einsatz!)

Und hätte man es nicht geahnt, jetzt will natürlich auch der Lead-Gitarrist das Scheinwerfer-Licht für sein eigenes Solo haben; wenigstens ließen sie in dessen Vorlauf auch mal den Bassisten für ein paar Atemzüge klar und ungestört zu Wort bzw. Spiel kommen. Wie das aber zusammenpasst – frag‘ nicht mich –, denn ich sehe hier plötzlich den irren Schamanen, der von Hütte zu Hütte schleicht und den schlafenden Kindern ihre hart ertanzten hawaiischen Dollars klaut …

Und jetzt kommt natürlich die Lead-Gitarre … also mal ernsthaft, ich kann mir buchstäblich vorstellen, wie die Proben dazu verlaufen sind:

»Hey, das is’n hammersteiles Riff, mann«, lobte der Lead-Gitarrist den Bassisten für diesen Lauf, immerhin kam er ja von ihm.
»Danke, Mann … glaub‘, das is‘ von Manson«, erwiderte dieser mundfaul, im Grunde nur geil aufs Spielen.
»Na, wenn nicht sicher ist, von wem es is‘, dann lasst es uns einfach spielen«, errechnete sich der Schlagzeuger mit mathematischem Geschick (mathematisch – nicht metronomisch).
Der Rhythmus-Gitarrist konnte nur mit den Augen rollen. »Es is‘ Black Sabbath, glaub ich, aber who cares … auf mich hört eh keiner«, sagte er mehr schulterzuckend als Gitarre spielend.
»Also nehmen wir’s erst recht!«, schoss der Finger des Schlagzeugers in die Höhe.
Und … sie … nahmen es echt – ich fasse es nicht. Mann, es ist Black Sabbath – schiebt zwei Noten ein, zwei Halbtöne weiter, und da habt ihr’s!

Ab der Hälfte kommt dann der Rhythmus-Gitarrist wohl auch ins Straucheln; so sehr, dass er schon droht, glatt über die Brüstung des Taktes zu fallen. Bis zum Ende sollte er auch nicht mehr wieder wirklich hineinfinden (stattdessen scheint er eine gut gemeinte Akkordabfolge zu improvisieren, die andererseits eher zur geistigen Verwirrung einlädt).

Den letzten Teil des Songs hätten demnach beide Gitarristen versaut, denn der Lead-Gitarrist war sowieso schon die ganze Zeit damit beschäftigt, schlecht zu spielen.

Zum Gesang kann man nichts sagen, das muss man gehört haben (mir selbst wäre nichts Besseres eingefallen)!

Es hinterlässt auf jeden Fall ein wahrlich herzliches aber beschissenes Ureinwohner-Dorf, in welchem die Kinder zuletzt schreiend feststellen, dass ihre Kröten fehlen und dafür dummerweise mich, den Touristen verantwortlich machen.

Schnell wieder raus aus diesem Wald!

Fertig?

Cool. Doch dann kommt der anstellende Chef-Redakteur und meint: »Ja, ja, sehr nett«, und er druckst aus seiner anfangs freundlichen Fassade doch noch seinen ausdrücklichen Wunsch heraus, diesen etwas zu gut gemeinten Bericht nochmal zu überarbeiten, da die Masse das so wolle.

Schließlich wurde folgendes journalistisches Fach-Review ins fiktive Magazin gedruckt:

Das verspulte Tremolo-Intro von Awwr’s »Lutching Finger« (Album »Vooroo«, VÖ gestern) lädt zum Träumen ein; doch ehe man sich versieht, setzt das mächtige Zerr-Riff ein, das bestenfalls einem Black Sabbath Demo-Song aus alten Tagen hätte entstammen können. Wenige Takte später überrascht eine Clean-Gitarre mit einem einfachen, jedoch wunderbar harmonischen Vier-Akkorde-Lauf, womit auch eine breitere Palette an Farben ins Spiel gebracht wird.
Das Schlagzeug liefert meist solide Arbeit, für den Gesang ließ sich dennoch wohl niemand finden.

Und Ende

Heute ging’s um: Wie zum Teufel schreib ich journalistisch? Oder: sollte ich doch lieber frei schreiben?

Ich weiß: Hätte jede Agentur alle Zeit der Welt, könnte sie auch nur Twains und Hemingways für sich schreiben lassen. Aber Unangestellte – die, die sich nicht wo, äh so anstellen –,  haben keine Zeit nötig.

Freie Übung

Höre dir deinen absoluten Lieblingssong an, und schreib‘ deine wahrhaftigsten Gedanken dazu auf (das kann vielleicht die Erinnerung daran sein, wann und wo du ihn das erste mal gehört hast, oder wieviel Trinkgeld du am Bernkogel hinterlassen hast, etc.).

Aber verfolge auch Passage um Passage aufmerksamst mit (stoppe gern‘ und lass‘ sie auch mehrmals wiederholt durchlaufen, wenn nötig). Höre auf die einzelnen Spuren (und zwar auf’s Schlagzeug genauso wie auf den Front-Sänger!) – und vergesse bei allem nie: sei kreativ.

Wenn du im Übrigen irgendwelche Fachausdrücke benötigst, hast du ja das Internet auf deiner Seite.

Und zum Schluss die eigentliche, w-w-wirkliche Lektion (die »Schwarze-Magier-Lektion«, sozusagen):

Es existieren tatsächlich zwei Aufnahmen aus einer lang, lang vergangenen Zeit (jeweils nur instrumental und ein, zwei Minuten lang), die ich damals mit Freunden aufgenommen hab‘.
Die zwei – nennen wir sie Songs – haben (bzw. hatten) herzlich wenig miteinander zu tun (mit den oben dargestellten Dialogen und Inseltänzern genauso), inspirierten mich allerdings zu diesem Beitrag.

Und das ist die w-w-wirkliche Lektion – auch für dein Werken und Bemühen: Schmeiß‘ nichts weg, egal wie crappy es ist … am Ende macht alles – oder zumindest unerwartet Vieles – Sinn.

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