Wie entstehen Geschichten?

Wie entstehen Geschichten

Am Anfang …

Der Anfang von allem und vor allem beim Schreiben findet bei der Frage statt: »Worüber will ich schreiben?« – Und am leichtesten schreiben lässt es sich natürlich darüber, was man schon immer verstanden hat, und wahrlich ein Leben lang gewusst zu haben scheint. Also gehen wir in uns; wir fragen uns: »Worin bin ich richtig – so richtig, richtig – stark?«

Es mag vielleicht eine Weile oder länger dauern, doch dann erblüht in uns dieser kleine Energieball, in unserem kleinen Herzchen, weil wir es erkannt haben; und plötzlich schießt dieser Energieball aus uns heraus, bläht sich um uns her rasant zu einem mächtigen Kraftfeld auf, wie ein eigenes Universum bei seinem Urknall … und wir haben unsere Frage beantwortet, unter schweigsamem, doch höchst feierlichem Sternengeflimmer –

Eine etwas weniger aufgeblasene Formulierung würde sich vielleicht so lesen:

Wir bemühen unser Gedächtnis

Wenn ich also mein Leben (noch) nicht so recht im Griff habe, und trotzdem ein Buch schreiben möchte, dann versteh‘ ich als erstes am besten, dass ich eigentlich kein Buch schreiben will, sondern eine Geschichte gern erzählen möcht‘.

Welche Geschichte würde ich denn gern erzählen?

Na die, über die ich pausenlos reden könnte, aber es nie tue, weil ich weiß, dass es meine/n beste/n Freund/in schon zum Kotzen bringt, wenn ich nur die erste Silbe des Satzes ausspreche, weil ich eh nix anderes mehr im Kopf hab‘ … oder die, die ich nur in mein saustrenggeheimes Tagebuch schreibe (… weil ich sie da ja eh schon aufschreibe … weil es schließlich … ein Buch ist, dass ich da (be-)schreibe … ein TageBUCH! – so ganz ohne Zwischen-den-Zeilen, verstehste?) … oooder vielleicht einfach nur die Geschichte, die mir seit kurzem erst total peinlich ist …

Alles klar? Ok, dann geh‘ jetzt ganz fest in dich … da ist doch was Peinliches auch bei dir, oder nicht? Hab ich nicht recht? … Schon, gell, da ist was …

Ach, nö – doch nicht die Geschichte über den/die verkannte/n und/oder tiefsinnige/n und/oder heroische/n Schriftsteller/in, der/die eigentlich total cool ist, aber Mama weiß gar nichts davon, und irgendwo wartet sowieso der Teufel mit der Schrotflinte (du solltest mal ein paar auf Stephen King basierende Filme anschauen – diese bedienen jene Sparte, wie ich finde, zu genüge).

Wenn du trotzdem unbedingt bei diesem Thema bleiben möchtest, wird es sicher dennoch gut, will ich dich hier mal ermutigen und dir den Rücken stärken.

Eigentlich ist es ganz einfach

Man lässt sich nur zu gern ablenken.

Na gut, dann machen wir’s eben zusammen. Ich gehe mit dir in mich hinein und denke da an die peinliche Diskussion, die ich vor kurzem hatte (Vorsicht, ich schlüpfe in den Erzählmodus und du wirst unvermittelt in die Szene gezogen …)

Wie entsteht eine Geschichte?

Robert schlenderte den von der Sonne gewärmten und vom Obdachenlosenurin umgarnten Trimdichpfad im Tunti-Wichti-Land entlang, und ahnte nicht, was ihn erwarten würde – wie sollte er das auch, sonst hätte er es ja von vornherein schon erwarten können; außer er ahnte es, gerade weil er es erwartet hatte, weil er nämlich unglaublich gerne Schach spielte – was aber wiederum eine andere Sache war.

Hinter einer wuchtigen Trauerweide trat ein unmaskierter Mann hervor, der in einem Märchen sicher ein süßes Wiesel abgegeben hätte. Er kreuzte Roberts Weg. Robert aber hatte dieses unvorhergesehene Erscheinen nicht erwartet, da er mit seinen selbstverliebten Schachgedanken beschäftigt war, und es sonst widersprüchlicherweise ja geahnt haben hätte können.

Roo meets Weasel

»Du, die Andrea Molkel ist Präsidentin geworden«, sagte das unmaskierte Wiesel.
»Wer zum Geier ist Andrea Molkel, Wiesel?«, fragte Robert.
Das Wiesel, das keins war, konnte es so wenig glauben, was es da hörte, wie es das hätte glauben können, dass es kein Wiesel war. »Du willst mich doch in der Pfanne braten, Junge?«, wieselte es, »du weißt nicht, wer die mächtigste Person in unserem Staat ist? Jeder Mensch in Tunti-Wichti-Land weiß, dass die allmächtige, allhassende und allliebende Mutter unseres Vaterlandes Ambibu-doo Schubidu-oah heißt!«
»Ich dachte, sie heiße Molkel?«
»Ist doch egal wie sie heißt!«

»Nun«, gluckste und gatzte der kleine Robert peinlich berührt herum, »nicht jeder Mensch in Tuchti-Winti-Schmand weiß, wer diese Person ist. Schließlich bin auch ich ein Bewohner von Schwuchti-Isti-Wand; also ist deine Behauptung überhaupt nicht intelligent und so.«
»Trotzdem!«, sagte das freundschaftliche Wiesel, »du solltest mehr Massenmedien konsumieren, und dir ein bisschen mehr Gehirnwäsche und sowas gönnen. Hab ’nen guten Tag, lieber Robert, bis bald mal wieder!«
Und der Freund (welcher Leser hätte geahnt, dass das wohl so kommen würde – boah, das Wiesel war ein guter Freund von Robert! – Plot! … kleiner Scherz) zog von dannen.

Na gut, dachte sich Robert und reiste schnell wieder ab. Er mochte Tunti-Wichti-Land nicht besonders; er wollte flott zurück in sein schönes Baumhaus, im schönen Urlaubsland (was zwar irgendwie dasselbe war, aber wen juckte das schon).

Zuhause klappte Robert sein Laptop, mit dem leuchtenden Obst drauf, auf, welches ebenso von der Sonne gewärmt, als auch von Obdachlosen benetzt wurde. Wie und warum auch immer.

Er unterzog sich der empfohlenen Gehirnwäsche und fand heraus, dass der eine ehemalige Präsident erschossen wurde, aber nicht von dem, von dem es offiziell behauptet wurde, sondern dem, der witzigerweise nach ihm Präsident wurde; aber das waren alles inoffizielle Beweise und so fort; und ein paar Jahre später krachte ein anderer Präsident in sein eigenes Haus, mit einem Flugzeug, welches er vorher in Photoshop in die echte Szene hineingebastelt hatte, also eigentlich noch während er im selben Moment in die Honigbutter-Villa gekracht war. Ja und noch Generationen später lief im Grunde derselbe Scherz so weiter ab. Aber die Partys bei Präsidentenwahlen schienen immer ziemlich bombig zu sein.

Roberts Recherchen waren erledigt. Eigentlich konnte er jetzt drei, wenn nicht sogar vier Bücher schreiben – so viel Stoff, wie ihm grad um die Ohren geweht wurde. Aber näh, wer wollte so etwas schon überhaupt lesen; wen interessierte diese Thematik schon wirklich, und außerdem haben doch sowie schon so viele über so etwas geschrieben (bestimmt auch Stephen King). Also spielte Robert lieber Schach mit sich selbst.

Ende

Ich schlüpfe wieder ins Hier und Jetzt

So. Und was hast du? Was ist bei dir so herausgekommen?

Du würdest nicht glauben, wie viele sich für den ganzen Wahnwitz, der sich in deinem Kopf so abspielt, interessieren würden. Also schreib’s einfach!

Wir verstehen, dass das eingangs erwähnte Urknall-Gefühl sich theoretisieren, in ein handliches kleines Prinzip umkneten lässt und somit übertragbar wird, für die vielen kleinen und großen Knetbecher, die irgendwann sicher auch noch kategorisch von uns beschriftet werden (z.B. mit »Plot«, »Dialoge«, »Einleitung, »Schluss«, »Subtext«, »Schlüsselszene« …).

 

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